„Spielen kann man überall.“ Mit diesem Satz beginnt das Video. Danach nehme ich die Leine in die Hand, schaue provokant in die Kamera und sage mit einem Grinsen: „Du bist jetzt mein Hund. Wir gehen jetzt Gassi.“ Für manche Menschen ist das einfach Unterhaltung. Für andere Provokation. Und für wieder andere vielleicht eine Fantasie, die sie selbst nie ausleben würden – obwohl sie tief in ihnen existiert. Genau das macht solche Momente spannend. Denn eigentlich passiert dort draussen gar nichts Verbotenes. Zwei Erwachsene bewegen sich gemeinsam durch die Öffentlichkeit. Komplett bekleidet. Keine Nacktheit. Keine Grenzüberschreitung. Keine Obszönität. Eher wie eine bewusst gelebte Szene, fast wie eine Mischung aus Ausdruck, Rollenspiel und Performance-Kunst. Und trotzdem löst es etwas in Menschen aus. Manche schauen irritiert, andere neugierig, manche lachen, andere beobachten heimlich länger, als sie eigentlich wollten. Oft merkt man schnell, dass solche Szenen etwas berühren, das viel tiefer geht als Latex, Dominanz oder ein Rollenspiel an sich.

Für mich persönlich hat das nicht einmal primär etwas Sexuelles – zumindest nicht im klassischen Sinn, wie viele Menschen Sexualität verstehen. Sexualität bedeutet für mich nicht, dass man sich öffentlich auszieht oder andere Menschen belästigt. Sexualität zeigt sich viel subtiler und gleichzeitig viel tiefer. Sie zeigt sich in Ausstrahlung, Körpersprache, Spannung, Lebendigkeit, Mut, Präsenz und Ausdruck. Eigentlich tragen wir alle diese Energie in uns, denn Sexualität ist ein Teil des Menschseins. Viele Menschen unterdrücken diesen Anteil jedoch bewusst oder unbewusst so stark, dass er irgendwann nur noch versteckt existieren darf. Dann bleibt nach aussen oft nur noch Funktionieren übrig: möglichst angepasst, möglichst kontrolliert, möglichst unauffällig.

Und genau das sieht man heute überall. Viele Menschen laufen durch den Alltag, als müssten sie sich permanent kleiner machen. Grau. Bieder. Kontrolliert. Bloss nicht auffallen. Bloss nicht „zu viel“ sein. Dabei zeigt sich Sexualität auch dort – nur eben auf eine andere Weise. Nicht bunt, verspielt und lebendig, sondern oft angespannt, gehemmt und abgeschnitten vom eigenen Körpergefühl. Ich glaube, dass genau daraus viele Extreme entstehen. Alles, was dauerhaft unterdrückt wird, sucht sich irgendwann einen anderen Weg nach draussen. Oft viel extremer, versteckter oder sogar pathologischer, als wenn man lernen würde, spielerisch und bewusst mit diesen Anteilen umzugehen. Viele Menschen leben ihre Fantasien deshalb ausschliesslich hinter verschlossenen Türen oder heimlich im Kopf. Ob ihnen das wirklich guttut oder ob sie dabei jemals echte Freiheit empfinden, ist wieder eine andere Frage.

Jahrelang habe ich mich selbst ebenfalls versteckt. Nicht unbedingt körperlich, sondern in meiner Art, meiner Energie und meinem Ausdruck. Wie viele andere auch, habe ich gelernt, dass man möglichst normal wirken soll. Nicht polarisieren. Nicht provozieren. Nicht anecken. Doch irgendwann merkt man, wie viel Energie verloren geht, wenn man sich dauerhaft selbst zensiert. Ich habe keine Lust mehr, mich kleiner zu machen, nur damit andere sich wohler fühlen. Und ich habe auch keine Lust mehr, mich zu verstecken. Scham habe ich grösstenteils abgelegt – zumindest genug, um mich nicht mehr permanent selbst zu kontrollieren.

Genau deshalb liebe ich solche Momente heute. Nicht, weil ich Menschen schockieren möchte, sondern weil ich sichtbar sein möchte. Weil ich das Spielerische zurückholen möchte. Weil ich finde, dass das Leben mehr Farbe verträgt. Interessanterweise reagieren viele Menschen genau deshalb so stark auf solche Auftritte, weil sie selbst diesen Anteil in sich kennen. Den Wunsch nach Freiheit. Nach Ausdruck. Nach Spiel. Nach Mut. Nach Lebendigkeit. Die meisten funktionieren nur noch. Der Alltag ist effizient, durchgeplant und kontrolliert, aber kaum jemand erlaubt sich noch echte Spannung oder kreative Inszenierung. Alles muss praktisch, sicher und gesellschaftlich perfekt einordenbar sein. Dabei beginnt Lebensfreude oft genau dort, wo man aufhört, sich permanent selbst zu überwachen.

Natürlich bedeutet Freiheit nicht Rücksichtslosigkeit. Stil, Kontext und Respekt machen einen enormen Unterschied. Genau deshalb geht es mir nicht darum, plump zu provozieren oder wahllos Grenzen zu überschreiten. Ich stehe einfach offen zu dem, was ich bin und was mir Ausdruck verleiht – auch draussen, sichtbar und ohne mich ständig zu verstecken. Mich interessiert Ästhetik. Spannung. Präsenz. Der Kontrast zwischen Eleganz und Provokation. Zwischen Kontrolle und Freiheit. Zwischen öffentlichem Raum und innerer Fantasie. Vielleicht irritiert genau das manche Menschen so sehr, weil es sie daran erinnert, wie wenig sie sich selbst eigentlich noch erlauben.

Und ja – manchmal wünsche ich mir tatsächlich mehr Menschen, die nicht nur fantasieren oder „darüber reden“, sondern den Mut hätten, wirklich sichtbar zu werden. Nicht nur im Kontext von Dominanz oder bestimmten Rollenbildern, sondern ganz generell im Leben. Mehr Menschen, die sich trauen, aus dem grauen Funktionieren auszubrechen. Mehr Menschen, die sich erlauben, Farbe, Ausdruck, Kreativität und Persönlichkeit zu zeigen, statt sich dauerhaft hinter Anpassung und Angst vor Bewertung zu verstecken. Denn genau daran fehlt es unserer Gesellschaft oft am meisten: echte Lebendigkeit. Und vielleicht würden viele Menschen sich selbst wieder näherkommen, wenn sie aufhören würden, ständig nur die Version von sich zu zeigen, die für andere möglichst bequem ist. Denn am Ende ist das Leben viel zu schade, um nur unsichtbar daran vorbeizulaufen.