Die meisten Menschen halten Mitgefühl für eine nette Eigenschaft – etwas, das man hat oder eben nicht. Etwas Weiches, vielleicht sogar Überflüssiges in einer Welt, die auf Leistung und Funktionieren ausgerichtet ist. Doch wenn man genauer hinschaut, wird klar: Fehlendes Mitgefühl ist selten Zufall. Es ist oft das Ergebnis eines sehr frühen Trainings. Eines Trainings, das wir kaum bemerken, weil wir alle hindurchgegangen sind. Man könnte es auch Indoktrination nennen.

Schon als Kinder lernen wir, zu funktionieren. „Reiss dich zusammen.“ „Sei nicht so empfindlich.“ „Stell dich nicht so an.“ Sätze wie diese wirken auf den ersten Blick harmlos, doch sie tragen eine klare Botschaft in sich: Deine Gefühle sind nicht richtig oder zumindest nicht willkommen. Also beginnen wir, sie zu unterdrücken. Nicht aus freiem Willen, sondern aus Anpassung. Denn Zugehörigkeit ist überlebenswichtig – für ein Kind mehr als alles andere. Also passen wir uns an. Wir lernen, dass Leistung mehr zählt als Empfinden, dass Ruhe wichtiger ist als Ausdruck und dass Kontrolle besser ist als Echtheit.

Genau hier beginnt das eigentliche Problem. Denn mit jedem Moment, in dem wir unsere eigenen Gefühle übergehen, verlieren wir ein Stück Verbindung zu uns selbst. Mitgefühl – vor allem Selbstmitgefühl – hat in diesem System keinen Platz. Es würde uns langsamer machen, uns hinterfragen lassen und uns vielleicht sogar aus dem System herauslösen. Also wird es leise abtrainiert – so subtil und gleichzeitig so wirksam, dass die wenigsten überhaupt bemerken, was dabei verloren geht.

Das Resultat zeigt sich überall: Menschen, die funktionieren, aber sich selbst nicht mehr spüren. Die wissen, was sie tun sollen, aber nicht mehr, was sie fühlen. Die hart mit sich sind, sich antreiben und sich optimieren – und dabei glauben, das sei Stärke. In Wahrheit ist es oft das Gegenteil: eine tiefe Abspaltung vom eigenen Innenleben. In meiner Arbeit erlebe ich genau das immer wieder. Auf die Frage, was jemand fühlt, kommt oft keine Antwort – nicht, weil nichts da ist, sondern weil der Zugang dazu verloren gegangen ist.

Ohne Selbstmitgefühl entsteht ein innerer Druck, der sich unweigerlich im Aussen zeigt. Beziehungen werden dadurch instabil oder oberflächlich, weil echte Nähe nur dort möglich ist, wo auch Selbstkontakt vorhanden ist. Viele bewegen sich deshalb zwischen Rückzug, Kontrolle und Abhängigkeit. Das, was wir heute überall beobachten können, ist kein Zufall: Eine Gesellschaft voller Menschen, die zwar funktionieren, aber in ihrer Bindungsfähigkeit eingeschränkt sind. Nähe wird gesucht, aber nicht gehalten. Verbindung wird gewünscht, aber nicht wirklich zugelassen. Ohne Zugang zu den eigenen Gefühlen bleibt auch Mitgefühl für andere begrenzt – es wirkt angepasst oder gespielt, aber selten echt.

Ein besonders zentraler und gleichzeitig stark verdrängter Bereich, in dem sich dieser Mangel zeigt, ist die Sexualität. Denn Sexualität ist kein mechanischer Akt, sondern ein körperlicher, emotionaler und nervensystembasierter Zustand. Genuss entsteht nicht durch Technik, sondern durch Verbindung – und genau diese Verbindung fehlt, wenn wir unsere Gefühle blockieren. Das beginnt oft schon bei der Masturbation. Viele Menschen haben nie gelernt, ihren Körper wirklich zu spüren, sondern funktionieren auch hier nach Mustern: schnell, zielgerichtet, kopfgesteuert. Der Fokus liegt auf Entladung statt auf Wahrnehmung. Der Körper wird benutzt, nicht erlebt.

In meiner Arbeit sehe ich genau das immer wieder: Menschen, die ihren eigenen Körper kaum kennen. Die abgestumpft sind, weil sie sich selbst nie wirklich gespürt haben. Sexualität wird dadurch zu etwas Oberflächlichem, obwohl sie eigentlich bis in die Tiefe unseres Systems reicht. Genau deshalb ist sie auch so stark mit Scham belegt. Über Generationen hinweg wurde sie unterdrückt, kontrolliert und bewertet. Was bleibt, ist Distanz zum eigenen Körper und Unsicherheit im eigenen Erleben. Dabei zeigt ein Blick in andere Kulturen, dass es auch anders geht. In vielen naturverbundenen Gemeinschaften wird deutlich freier und selbstverständlicher mit Körperlichkeit umgegangen – oft verbunden mit mehr Ruhe, mehr Verbindung und einem respektvolleren Miteinander.

Wer gelernt hat, sich selbst nicht zu fühlen, wird auch in der Sexualität Schwierigkeiten haben, echte Tiefe zu erleben. Stattdessen entsteht ein Fokus auf Leistung, auf Funktionieren und auf „richtig machen“. Der Körper wird benutzt, statt gespürt. Signale werden übergangen, Grenzen nicht klar wahrgenommen. Was bleibt, ist eine Form von Sexualität, die zwar kurzfristig intensiv wirken kann, aber selten nachhaltig erfüllt. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen erlernter Performance und echtem Erleben. Vieles, was als „guter Sex“ gilt, ist geprägt von Bildern, Erwartungen und Abläufen. Schnell, zielgerichtet, funktional. Doch echter Genuss folgt anderen Prinzipien. Er entsteht nicht im Kopf, sondern im Körper. In den feinen Nuancen, im Wechsel zwischen Spannung und Entspannung, im bewussten Wahrnehmen dessen, was gerade da ist. Das erfordert Präsenz – und die Fähigkeit, sich selbst zu fühlen.

Wenn dieser Zugang fehlt, bleibt auch die Lust begrenzt. Sexualität bleibt an der Oberfläche, ohne Tiefe, ohne nachhaltige Wirkung. Viele versuchen, das durch mehr Intensität zu kompensieren – mehr Reize, mehr Druck, mehr Kick. Doch das eigentliche Problem liegt nicht im „zu wenig“, sondern im fehlenden Zugang zum eigenen Empfinden. Der Körper wird lauter, weil er zuvor nicht gehört wurde.

Mitgefühl – vor allem für sich selbst – ist der Schlüssel zurück. Es schafft die Grundlage dafür, den eigenen Körper wieder wahrzunehmen, statt ihn zu kontrollieren. Es ermöglicht, Spannung nicht nur aufzubauen, sondern auch bewusst zu regulieren. Dadurch entsteht eine andere Qualität von Sexualität: langsamer, tiefer, intensiver im Erleben. Nicht getrieben von Leistung, sondern getragen von Wahrnehmung. Das verändert nicht nur die Sexualität, sondern das gesamte Erleben. Mehr Energie, mehr Klarheit, mehr Verbindung zu sich selbst – und damit auch zu anderen. Doch genau das haben die meisten nie gelernt. Und deshalb halten viele das, was sie kennen, bereits für das Maximum.